Schmuddeltalk, der nicht mehr ganz so neue Trend im deutschen Fernsehen.Lieferten sich in den Anfangsjahren des leichteren Nachmittagtalks noch Fliege und Meiser das entscheidende Duell, ist einer der beiden bereits aus dem Nachmittagsprogramm verschwunden, und gleichsam mit ihm auch das letzte Quentchen Niveau aus den Shows der Privaten. Was darf sich der Konsument doch auch alles antun: Sechzehnjährige, die ganz öffentlich darüber reden müssen, dass sie die Männer bereits im Dutzend verspeisten, Paare, die ihren Beziehungsstress öffentlich breittreten, das Private ins Exponierte ziehen - und dabei gerade mal ein paar Wochen zusammen sind. Perversionen im Alltäglichen, siedend heiß mit viel Emotion und genauso leicht verdaulich serviert. Warum haben diese Formate wohl soviel Erfolg? Weil sie einfach zu produzieren sind, günstig, und dann doch eine breit gestreute Nachfrage befriedigen können? Was aber ist denn diese Nachfrage? Was kann so spannend sein, kaputten Charakteren und ''abgefuckten'' Schicksalen voyeuristisch nachzustellen?Will man ''Gefühle'' verspüren, die man längst nicht mehr im Alltag ausleben kann und will? Mitgefühl, Mitleid, ohne es aber öffentlich zeigen zu müssen, wohlportioniert.Ist es die Freude an einer Freakshow, also einer modernen Version eines jahrmarktlichen ''Grusel- und Kuriositätenkabinetts''?
Oder geht es gar um eine Katharsis, eine Reinigung des Inneren, die Befreiung und Erleichtung von irgendwas? Der entscheidende Punkt ist vielleicht die Erleichterung. ''Die kollektive Erleichterung am Nachmittag'', und man kann sich das förmlich vorstellen: Die Durchschnittsfamilie vor dem Fernseher, wie sie aufatmet. ''Ja! Es gibt noch seltsamere und abgefucktere Menschen als wir.'' Uns geht es trotz allen Übels noch gut, und schau mal, wie schlecht es denen da in der Show geht.
Das wird es sein. ''Wir brauchen diese Shows'' auch und vielleicht gerade als kollektive Rückversicherung, dass es anderen schlechter geht. Ob emotional oder finanziell, jeder nach seinem Bedürfnis, und so ist der Trend eigentlich gar kein Trend, sondern wird auf Jahre hinweg fester Bestandteil des Fernsehprogramms bleiben: ''Panem et circensis.''
(von 2004-08-21)
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